Welche Risiken fossile Rohstoffe für den Finanzmarkt mit sich bringen und was Sie dagegen tun können!

Haben Sie schon von der Carbon Bubble gehört? Nein? Oder doch, Sie wissen aber noch nicht so genau, was dahintersteckt? Dann sind Sie hier richtig! In diesem Blog werden wir erklären, welche Risiken fossile Rohstoffe im Zusammenhang mit dem Klimawandel für den Finanzmarkt mit sich bringen und wie Sie Ihre Investitionen davor schützen können.

Klimawandel

Der Klimawandel schreitet immer weiter voran; global haben wir seit Beginn der Industrialisierung bereits eine Erwärmung von über 1° Celsius erreicht. Dieser globale Durchschnitt führt zu einer Erwärmung, die in manchen Regionen der Erde bereits deutlich höher als 1° C ist, so zum Beispiel bei knapp 2° Celsius in Österreich. Dies erhöht den Druck auf eine schnelle Transformation hin zu einer Gesellschaft, die keine Treibhausgase mehr ausstößt. In Paris wurde 2015 von der Weltgemeinschaft im sogenannten Paris Agreement das Zweigradziel beschlossen - also, dass die globale Erderwärmung auf 2° Celsius beschränkt wird, im besten Fall sogar auf 1,5 ° C.

Carbon Budget

Um diese Ziele zu erreichen, darf nur noch eine bestimmte, begrenzte Menge an Treibhausgasen ausgestoßen werden, das sogenannte Carbon Budget. Nachdem bei der Verbrennung fossiler Rohstoffe wie Gas, Öl und Kohle Treibhausgase emittiert werden, ist also auch die Menge an fossilen Rohstoffen, die weltweit noch verbrannt werden dürfen, begrenzt. Für ein 1,5° C-Ziel liegt diese Menge bei noch gut 350 Gt CO2-Äquivalenten, die noch emittiert werden dürfen. Das ist weniger als die Menge, die global derzeit innerhalb eines Jahrzehnts emittiert wird. Für das Zweigradziel liegt diese Menge bei noch gut 1100 Gt CO2-Äquivalenten. Das gesamte Treibhausgaspotential der bekannten, gesicherten Reserven von Öl, Gas und Kohle lag im Jahr 2017 jedoch noch bei 2796 Gt CO2. Ein großer Teil der bekannten fossilen Rohstoffe darf also nicht verbrannt werden, wenn die Weltgemeinschaft das Zweigradziel erreichen will!

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Wertverfall

Wenn die Gesellschaft, die Politik oder Unternehmen also weiter daran arbeiten, die globalen Emissionen zu begrenzen, verlieren fossile Rohstoffe an Wert, nachdem sie nicht mehr, oder nur noch sehr teuer verbrannt werden dürfen. So könnte unter anderem ein CO2-Preis, ein Ausbau an erneuerbaren Energien, eine erhöhte Energieeffizienz oder ein verändertes Konsumentenverhalten dazu führen, dass die Nachfrage nach fossilen Rohstoffen einbricht und ein großer Teil in relativ kurzer Zeit an Wert verliert oder gar völlig wertlos wird. Eine Studie hat den gesamten, potenziellen Wertverlust auf eins bis vier Billionen (!) USD beziffert. Die Studie kommt auch zu dem Ergebnis, dass ein Wertverlust dieser Größenordnung selbst ohne strengere Klimapolitik zustande kommen wird; das hätte weitreichende Auswirkungen nicht nur auf Banken, Versicherungen und Investoren, sondern auf die gesamte (Finanz-)wirtschaft.

Prof. Dr. Helga Kromp-Kolb, eine österreichische Klimaforscherin, fasst dieses Problem so zusammen:

"Die Pariser Klimaziele anerkennen die Tatsache, dass dem Finanzsektor eine Schlüsselrolle im Prozess der Transformation zu einer dekarbonisierten Wirtschaftsweise zukommt. Mindestens zwei Drittel der bekannten, verwertbaren fossilen Reserven müssen dazu ungenutzt im Boden bleiben. Es ist wichtig, dass privates Kapital aus klimaschädlichen Veranlagungen abgezogen wird und stattdessen zukunftsweisende Projekte finanziert werden.“

Risiken

Blackrock, einer der größten institutionellen Investoren der Welt, hat diese Risiken hier aufgeführt. Der Börsenwert der größten vier Kohlefirmen der USA ist beispielsweise zwischen 2011 und 2016 von € 33 Milliarden auf € 150 Millionen gefallen, also um 99,5%. Sicher, weil billiges Schiefergas den Markt verändert hat, aber auch, weil der Stromverbrauch trotz wirtschaftlichen Wachstums nicht weiter anstieg – eine Folge von steigender Energieeffizienz - und weil mehr erneuerbare Energieträger zur Verfügung standen. Wie schnell die Erneuerbaren ausgebaut werden, hat auch die Internationale Energieagentur (IEA) viele Jahre unterschätzt:

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Betroffene Akteure

Wen würde also dieser – im schlimmsten Fall plötzliche – Wertverfall treffen? Zuerst einmal sind da die Länder zu nennen, deren National Oil Corporations (NOC) mit Öl und Gas handeln. In vielen Fällen benötigen diese Länder einen Mindestpreis für Öl und Gas, um im nationalen Haushalt die schwarze Null zu erreichen:

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Bei einem gegenwärtigen Ölpreis zwischen 60 und 70 USD pro Barrel baut also ein Großteil der genannten Länder Schulden auf.

Die Länder sind aber nicht die einzigen Betroffenen. Mehr als ein Viertel der Kohle-, Gas- und Ölreserven ist im Besitz von Unternehmen, die an der Börse gelistet sind. Und hier wird es spannend: bei Unternehmen, die an der Börse gehandelt werden, ist dem Risiko des Wertverfalls jeder ausgesetzt, der in irgendeiner Art an diesen Firmen beteiligt ist. Das kann direkt sein, mit den Aktien der Firma selbst; das kann aber auch indirekt sein, über Pensionsfonds, Investmentfonds, Versicherungen und andere Finanzprodukte, also potenziell jeder Akteur am Finanzmarkt!

Wie stark die Akteure am Finanzmarkt den mit dem Klimawandel verbundenen Risiken ausgesetzt sind, ist hier zu sehen:

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Man beachte, dass in der Grafik nicht nur fossile Rohstoffe aufgelistet sind, sondern auch andere Sektoren, die damit in wirtschaftlichem Zusammenhang stehen – und damit auch indirekt betroffen sind.

Bei den 10 am stärksten betroffenen Banken in der EU sind beispielsweise mehr als 15% des Kapitals in fossilen Rohstoffen oder Energieversorgern investiert, bei der Deutschen Bank sogar über 30%:

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Der Öl- und Gassektor

Im folgenden Teil gehen wir der Frage nach, welche Unternehmen im Öl- und Gassektor mehr als andere vom Risiko des Wertverfalls betroffen sind und wovon das abhängt.

Aber verliert dann jedes Kohle-, Gas- oder Ölunternehmen anteilig einen ähnlich großen Teil seines Wertes? Nein. Wer am stärksten betroffen ist, hängt unter anderem von der Höhe der Produktionskosten ab. Auch wenn bis 2050 eine fossilfreie Welt angepeilt wird – für den Moment wird bei fallender Nachfrage einfach der Wettbewerb härter: Die teuersten Projekte sind zuerst von fallenden Preisen betroffen und werden am schnellsten unrentabel. Nachdem die Menge, die für ein Zweigradziel noch verbrannt werden darf, relativ genau beziffert wird, kann man sich ausrechnen, welche Projekte selbst bei sinkender Nachfrage noch rentabel sind. Im Ölsektor sieht das dann so aus:

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Eine zweigradkonforme, niedrige Nachfrage führt also dazu, dass Projekte, die erst ab 70 USD pro Barrel rentabel sind, sich nicht mehr rentieren. So kann man dann auch gut ausrechnen, welcher Anteil der CAPEX– also der Investitionsausgaben – eines Unternehmens in Projekte fließt, die auch bei einer sinkenden (zweigradkonformen) Nachfrage noch rentabel sind:

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Ein beträchtlicher Anteil der Investitionsausgaben von Öl- und Gasunternehmen ist also nur auf Basis der Annahme rentabel, dass die Welt das Zweigradziel verfehlen wird. Carbon Tracker Initiative beziffert die Summe an Investitionen, die im Öl- und Gassektor zwischen 2018 und 2025 nicht zweigradkonform ist, auf 1,6 Billionen USD.

Die Situation in Österreich

Also zurück zu den Fonds in Österreich und damit auch zu Ihrem Geld: ESGPlus hat hier bzw. hier in einem Update eine detaillierte Analyse von über 500 großen Publikumsfonds heimischer Kapitalanlagegesellschaften durchgeführt. 375 von 504 untersuchten Publikumsfonds verfügten über Anlagen im Fossilbereich; das verbleibende Viertel besteht großteils aus spezialisierten Themenfonds, die in Staatsanleihen, Immobilien- oder den Gesundheitssektor investieren und dadurch per definitonem nicht in den fossilen Sektor investieren.

Die genauer untersuchten 248 Fonds waren durchschnittlich mit 7,8% ihres Vermögens im Kohle-, Öl- und Gassektor bzw. deren Zulieferbetrieben und Energieversorgen investiert; in absoluten Zahlen mit 2,6 von 33,4 Milliarden Euro. Im Durchschnitt der Top-100 Fonds wird pro investierten 1.000 Euro das Potenzial von rund 2,7 Tonnen CO2-Emissionen in Form von Kohle-, Öl- und Gasreserven finanziert. Die Fonds, die in den Energiebereich oder in Emerging Markets wie Indien, China oder Brasilien investieren, bestehen gar bis zu 100% aus (Klima-)risikobehaftetem Kapital. Wenn man auf CLEANVEST beim Kriterium frei von Kohle strikt filtert, bleiben von 2377 untersuchten Fonds nur noch 690 übrig; wenn man frei von Öl- und Gas auch noch strikt filtert, bleiben gar nur noch 347 Fonds übrig. Der österreichische Markt ist also alles andere als unbeteiligt an der beschriebenen Carbon Bubble.

Was Sie dagegen tun können:

Lästig sein

Lästig sein bedeutet, Transparenz zu fordern, denn die Produkte, die wir vom Finanzsektor angeboten bekommen, haben noch keine Kennzeichnungspflicht wie die Lebensmittel im Supermarkt (Anmerkung: die EU arbeitet daran). Wir können daher noch nicht in allen Bereichen überprüfen, welche Wirkung unser Geld hat. Aber wir können und müssen lästig sein, bei jedem Kontakt mit der Bank, bei jedem Kontakt mit der Versicherung. Die Fragen könnten lauten: „Was macht ihr mit meinem Geld? Wie investiert ihr es und welche Projekte werden damit finanziert oder versichert?“

Selbst Recherchieren

Teilweise sind auch Nachhaligkeitsaspekte bereits in der Anlagestrategie einer Versicherung oder einer Pensionskasse verankert und werden auf deren Website kommuniziert. Eine schnelle ecosia.org Suche zum Unternehmen und "Nachhaltigkeit Veranlagung" oder ähnlichen Schlüsselwörtern kann hier Abhilfe leisten. So haben beispielsweise die Allianz hier oder die VBV Vorsorgekasse hier Informationen zu Nachhaltigkeit in der Veranlagung veröffentlicht.

Außerdem können Sie CLEANVEST nutzen, um mehr Informationen in Erfahrung zu bringen - einerseits, um die Nachhaltigkeitsbewertung bestimmter Fonds, an denen Sie beteiligt sind, oder die Ihnen beim Anlageberater in Aussicht gestellt wurden, einzusehen. Für das Risiko im Zusammenhang mit der Carbon Bubble sind dabei die beiden Kriterien "Frei von Öl und Gas" sowie "Frei von Kohle" relevant. Andererseits, um Fonds aufzuspüren, die Ihren individuellen Ansprüchen an die Nachhaltigkeit entsprechen. So können Sie die Suchfunktion dafür nutzen, beispielsweise Kohle auf "Strikt" und Öl und Gas auf "Wichtig" zu stellen und wahlweise noch weitere Kriterien wie beispielsweise "Frei von Atomkraft" dazuzuschalten und dann zu sehen, welche Fonds noch in Frage kommen. CLEANVEST bietet dabei keine Anlageempfehlung, sondern schafft lediglich Transparenz zu Aspekten der Nachhaltigkeit und des Klimawandels. Eine Anlage sollte dann immer in Absprache mit dem Anlageberater erfolgen. Im besten Fall kann dieser die neu gelernten Informationen zu Nachhaltigkeit gleich weiterverwenden und vervielfältigen!

CLEANVEST ist ein Werkzeug, um das Bewusstsein für mehr Transparenz und Nachhaltigkeit von Investments zu stärken. Aktuell erhalten Anleger noch viel zu wenige Informationen über konkrete Nachhaltigkeitsaspekte, die ebenso Grundlage ihrer Investitionsentscheidung sein sollten.

Fred Hilgenfeldt