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Am 9. August wurde der Internationale Tag der indigenen Völker der Welt gefeiert. Das diesjährige Thema betont die Rolle der indigenen Frauen und ihren Beitrag zur Bewahrung und Weitergabe des traditionellen Wissens. Ganz im Sinne dieses Themas wollen wir die entscheidende Rolle indigener Frauen in ihren jeweiligen Gemeinschaften und ihren Beitrag verstehen. Ob es sich um ihren Klimaaktivismus oder den Schutz der Artenvielfalt, ihres kulturellen Erbes und ihres Landes handelt, wir stellen euch in diesem Beitrag einige inspirierende Beispiele vor.

Beschützer*innen der Natur

Vielleicht habt ihr schon von verschiedenen Begriffen, wie First People, Native People, Tribal People und Aborigines gehört. Wir verwenden hier den Begriff indigene Völker, um die Gruppe als Ganzes zu bezeichnen, obwohl wir durchaus anerkennen, dass alle Gruppen ihre eigenen sozialen, kulturellen und traditionellen Systeme haben, die sie von den anderen unterscheiden. Indigene Völker werden als natürliche Bewahrer*innen der Natur bezeichnet. So befinden sich 80 Prozent der gesamten Biodiversität der Erde in ihren Gebieten und mehr als 20 Prozent des gespeicherten Kohlenstoffs in den Wäldern, die von indigenen Völkern bewohnt werden - das Amazonasbecken ist ein prominentes Beispiel.

Durch dieses Erbe kombiniert mit ihrem traditionellen Wissen bewahren viele indigene Völker die Umwelt und reduzieren die negativen Auswirkungen des Klimawandels. Aufgrund schwacher institutioneller Förderung und der Industrien wird ihr Land, das reich an natürlichen Ressourcen ist, jedoch ausgebeutet und ihnen ohne ihre freie, vorherige und informierte Zustimmung entzogen. Der Mangel an Rechenschaftspflicht in Verbindung mit der Begünstigung von Geschäftsinteressen ist eine der Hauptursachen für solche Entwicklungen.

Indigene Frauen und ihr Kampf um ihre Rechte

Die Erhaltung der biologischen Vielfalt hat für viele indigene Völker einen hohen Stellenwert. Sie ist aus kultureller, lebensnotwendiger und spiritueller Sicht ein fester Bestandteil ihres Lebens. Doch aufgrund zahlreicher Probleme wie dem Verlust der Artenvielfalt, Landraub, Klimawandel und vielen andere problematischen Themen, wird ihre traditionelle Lebensweise ständig in Frage gestellt. Das geht so weit, dass indigene Völker, die zu Aktivist*innen werden, in ihrem Bestreben, ihr Land zu verteidigen, mit Gewalt und Mord konfrontiert werden. Nehmen wir das Beispiel von Juma Xipaia, einer indigenen Anführerin, die dem Volk der Xipaya angehört. In ihrem Bestreben, den Amazonas zu schützen, musste sie aufgrund zahlreicher Mordversuche aus Brasilien fliehen und verbrachte ein Jahr im Exil. Das hat sie jedoch nicht davon abgehalten, nach Brasilien zurückzukehren und ihren Aktivismus fortzusetzen.

Laut dem Bericht von Global Witness 2021 zeigt eine Studie, dass viele der ermordeten Land- und Umweltaktivist*innen indigenen Gemeinschaften angehören. Zum Beispiel, Mexiko verzeichnete die höchste Zahl der Morde, von denen 40% der Opfer indigenen Gruppen angehörten. Menschenrechtsverletzungen haben viele dazu veranlasst, ihr traditionelles Land zu verlassen und den Zugang zu Ressourcen und Traditionen zu verlieren, die ihr Leben bisher geprägt haben. Dies wiederum verschärft ihre Ausgrenzung und setzt sie einem höheren Armutsniveau aus. Von diesen negativen Entwicklungen sind insbesondere indigene Frauen überproportional betroffen.

Die Adivasi im Einsatz gegen die Bergbauindustrie

Rund 57 Millionen Adivasi leben in Indien, die wegen ihrer Kohle-, Bauxit- und Eisenerzvorkommen ausgebeutet werden. Da ihr Land reich an natürlichen Ressourcen ist, werden sie nicht nur von der Bergbauindustrie ausgebeutet, sondern auch von der Regierung. Die traurige Realität ist, dass die Regierung diese Industrien unterstützt, was ihre Situation noch weiter verschlimmert. Doch die Frauen unter den Adivasi sind eine starke Kraft. Sie führen Proteste an, um ihre kulturelle, wirtschaftliche und spirituelle Existenz zu schützen. Aber dieser Aktivismus setzt sie auch Gefahren aus, die von körperlichem und sexuellem Missbrauch bis hin zum Verlust ihrer Freiheit und ihres Lebens reichen.

Dennoch konnte ein Erfolg gegen ein Bergbauunternehmen von dem Volk der Dongria Kondh (werden auch als Adivasis bezeichnet) verzeichnet werden. Das Unternehmen beabsichtigte, ihren heiligen Niyamgiri-Hügel in Odisha, Indien, abzubauen, was jedoch durch die über zehn Jahre andauernden Proteste verhindert wurde. Trotz des Sieges wurde Kuni Sikaka, eine Anführerin, unter dem Vorwurf verhaftet, sie sei eine Rechtsbrecherin.

Mi‘kmaw Grassroots Grandmothers versus Alton Gas

Die Mi‘kmaw Grassroots Grandmothers, die auch als Wasserschützer*innen bekannt sind, zeigen ihre bemerkenswerte Widerstandskraft gegen den Projektvorschlag von Alton Gas in Stewiacke, Kanada. Ihr achtjähriger Aktivismus hat verhindert, dass Alton Gas möglicherweise zehntausende von Litern Salzlauge in den Sipekne‘katik River einleitet. Der Fluss spielt eine wichtige Rolle für die Mi´kmaw, da dieser ihren Lebensunterhalt durch die Fischerei gewährleistet und als heiligbetrachtet wird.

Beispiele für das Versagen der Regierung, Minderheitengemeinschaften auf Kosten ihrer Gesundheit und ihres Lebensunterhalts vor umweltbelastenden Industrien zu schützen, sind in Kanada keine Seltenheit. Da ist es auch kein Wunder, dass die Mi‘kmaw Grassroots Grandmothers sich nicht auf die Regierung verlassen haben, um ihre Interessen zu vertreten, sondern sich gemeinsam gegen das geplante Projekt gewehrt haben. Obwohl drei der Mi‘kmaw Grassroots Grandmothers 2019 verhaftet wurden, entschied der Oberste Gerichtshof, dass Alton Gas die indigene Bevölkerung während des Konsultationsprozesses nicht befragt hat. Ihr achtjähriger Kampf fand ein Ende, als Alton Gas die Pläne für die Stilllegung des Projekts bekannt gab.

Traditionelles Wissen und die Rolle von Bottom-up-Ansätzen

Indigene Frauen sind als Übermittler*innen von traditionellem Wissen bekannt. Sie sind dafür verantwortlich, dieses Wissen an die nächste Generation weiterzugeben und ihr kulturelles Erbe zu bewahren. Insbesondere Bottom-up-Ansätze können dazu beitragen, dieses traditionelle Wissen zu erhalten. Durch die Bereitstellung von Finanzmitteln können indigene Gemeinschaften, insbesondere Frauen, von der kulturellen Wiederbelebung und dem Erhalt des traditionellen Wissens profitieren. Wenn aus solchen Aktivitäten ein Einkommen erzielt werden kann, bringt das der Gemeinschaft und im weiteren Sinn auch der gesamten Gesellschaft viele Vorteile.

Die Gruppe der Kariña -Frauen, die auch als Hüterinnen des venezolanischen Waldreservats Imtaca bezeichnet werden, ist ein gutes Beispiel dafür. Die Gruppe lebt im Imtaca-Wald - einem tropischen Wald im Südosten Venezuelas. Unternehmen, insbesondere die Rohstoffindustrie, erkennen das Reservat des Imtaca-Waldes nicht als Kariña Territorium an und holzen oft ohne ihre Zustimmung Bäume ab. Diese Entwicklungen sind der indigenen Gemeinschaft nie zugutegekommen und sie haben nie von den wirtschaftlichen Aktivitäten profitiert. Die Kariña -Frauen haben deshalb die Dinge selbst in die Hand genommen und gemeinsam mit der FAO und der Regierung ihr eigenes Unternehmen Tukupu gegründet. Dieses erhielt 7000 Hektar des Imtaca Waldreservats zur Mitverwaltung.

Welcher Mehrwert entsteht?

Durch das Wissen ihrer Vorfahren ist das verwaltete Land zu einem Schwerpunkt für Schulungs- und Wiederherstellungsaktivitäten geworden, die darauf abzielen, Gebiete wiederzubeleben, in denen die Bergbauaktivitäten die natürliche Umwelt zerstört hat. Es wurden zahlreiche Gärtnereien eingerichtet, um Pflanzen für die Wiederaufforstung zu züchten und viele andere Initiativen, die der Gemeinschaft zugutekommen. Dieses Vorzeigeprojekt zeigt, wie wichtig es ist die Mitbestimmungsrechte der indigenen Völker zu stärken, indem die technischen und administrativen Kapazitäten gestärkt und ein partizipativerer Prozess ermöglicht wird. Dies unterstreicht auch die essenzielle Rolle der öffentlichen und privaten Finanzierung, die indigenen Gemeinschaften zugutekommen sollte, insbesondere unter Einbeziehung von Frauen. Anhand der obigen Beispiele wird deutlich, welche wichtige Rolle indigene Frauen bei der Bewahrung ihrer Kultur und ihrer natürlichen Umwelt spielen und vor welchen Herausforderungen sie stehen, um für ihre Rechte zu kämpfen. Vor allem gegenüber großen Unternehmen müssen sie immer wieder beweisen, dass ihre Anliegen und Bedürfnisse angehört und einbezogen werden müssen. Auch die Regierungen tragen eine Verantwortung, da sie ihre Rechte nicht anerkennen und so ihre Ressourcen und ihren Lebensraum zerstören.

Wir sind uns dieser Problematik bewusst und arbeiten daran, Transparenz über unsere Plattform cleanvest.org zu schaffen. Dort könnt ihr mit dem Kriterium „Indigene Rechte“ sicherstellen, dass eure Investitionen nicht in Unternehmen oder Staaten, die in Verstößen gegen indigene Rechte durch Projekt- und Unternehmensaktivitäten involviert sind, fließen. Schließlich verdeutlichen die Beispiele auch, wie wichtig es ist, die Gleichstellung der Geschlechter zu stärken. Daher könnt ihr auch noch das Nachhaltigkeitskriterium „Gleichstellung von Frauen" bei eueren Investmententscheidungen auf cleanvest.org miteinbeziehen.

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